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Der Seelendackel

Herr R. War sehr gläubig. Aber nicht etwa römisch-katholisch, oh nein!- Herr R. Glaubte an Chakren, Auren und die Macht des guten alten Sandelholz-Rächerstäbchens gegen die zerstörerische Kraft eines Lungenkarzinoms im Endstadium. In seinem Tipi nahm er des öfteren Dämonenaustreibungen vor oder vollzog Fruchtbarkeitsriten für Freunde und Förderer des Schamanentums, für die er gerne einmal vollkommen entblättert bis auf eine beeindruckende Adlermaske mit echten Federn die Straßen seiner Heimatstadt unsicher machte.

Und obwohl sich seine Nachbarn durchaus gestört fühlten, war dies nicht der Grund, warum Herr R. am heutigen Tag in der Psychiatrischen Aktutstation meines Lehrkrankenhauses vorstellig wurde.

„Mein Erich ist tot, ich muss sterben“, Herr R. war auf dem Boden in sich zusammengesackt und wiege sich heulend vor und zurück.

„Aber wer ist denn der Erich? Ihr Mann?“ versuchte ich Herr R. primär aus Empathie heraus, aber vor allem weil der Möchtegern-Indianer den Notausgang blockierte, zu beruhigen.

Verwirrt schaute der Patient zu Ihr auf: „Ich bin doch nicht Schwul!“ echauffierte er sich, fügte dann aber noch hinzu „wobei ich mich jedoch selbstverständlich nicht wehren würde, hätten die Weisen meine Seele mit der eines Geschlechtsgenossen verwoben.“

„Definitiv Schwul“, murmelte eine hinzugetretene Kollegin kopfschüttelnd.

„Wer ist der Erich denn dann?“ versuchte ich das Gespräch weg von Herr R’s Sexualität zurück zu Ursache seines Leidens zu lenken.

„Der Erich...der Erich der ist mein größter Schatz!“. Verträumt richtete sich Herr R.‘s Blick gen Himmel.

„Also ihr Sohn?“

„...mein Seelenverwandter...“

„Ihr Bruder?“

„Nein, Herrgottnochmal! Der Erich ist mein Dackel!“

„Ihr Dackel?!“

„Mein Dackel.“

Das Patienten enge Beziehungen zu ihren Haustieren unterhielten war bei Gott nichts ungewöhnliches. Schon mehrmals war es wegen des generellen Haltungsverbots in unserem Haus zu der ein der anderen Fixierung gekommen. Aber dass einer nach dem Tod seines felligen Begleiters gar so leiden mussten kam dann eher eher selten vor.

„Warum müssen sie denn sterben, nur weil irgendein Hund auch tot ist?“, mischte sich einer der anderen Patienten ein.

Sofort wurde der Schamane zur Furie: „Erich war nicht nur irgendein Hund! Er war etwas ganz besonderes! Er war mein Seelentier!“

Es stellte sich heraus, dass Herr R. davon überzeugt war, dass jedem Menschen ein Seelentier zur Seite gestellt war, das durch die Aufnahme eines Teils der Seele seines Besitzers, ähnlich wie bei einem Horkrux, nur nicht so unheilvoll, diesem Menschen ein langes und gesundes Leben ermöglichte. Somit war mit dem heißgeliebten Dachshund auch ein ein Teil seiner Seele ins jenseits befördert worden, was Herr R. jegliche Lebenskraft entzog.

Bei einem so schwerwiegenden Fall von Seelenverlust waren auch wir überfordert.

Was man denn da tun könne, fragte die Kollegin einfühlsam.

„Eigentlich nichts“, schniefte Herr R. „Außer...die Seele kann über die Reinkarnation des Gefäßes den Klauen der Verdammnis entrissen werde.“

„Klingt ja schwer nach Exorzismus.“, flüsterte mir die Kollegin zu.

Ich hatte aber eine bessere Idee: „Wie wäre es mit einem Besuch im Tierheim?“

Schlussendlich wurden wir im Kleintierhaus eines Tierschutzvereins fündig und konnten Herr R. nach drei qualvollen Tagen zwei wunderschöne Wellensittiche präsentieren, die „ein guter Freund rein zufällig auf Erichs Stammplatz im Tipi des Schamanen habe sitzen sehen.“

Selten habe ich einen Patienten so glücklich gesehen wie an dem Tag, an dem sein verlorener Seelenteil feierlich als Therapiesittich in unser Haus zog.

Herr R würde, auch aufgrund seiner exhibitionistischen Tendenzen während de Ausübung seines Berufs und einem latenten Verfolgungswahn noch etwas länger Gast auf unserer Station sein. Wie es mit ihm weitergeht kann ich leider noch nicht sagen, ich hoffe aber, dass die Wellensittiche sehr, sehr langlebig sind.






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