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Die Haurobbe

 Als ich Herr Müller das erste Mal traf, warf er eine Robbe nach mir. Sie landete nur knapp vor meinen Füßen und schaute mich aus traurigen, schwarzen Knopfaugen an. Ich war ein wenig verstört aber auch erstaunt über die Kraft und Zielgenauigkeit dieses tendenziell schrumpeligen Männleins, das da vor mir im Bett lag. „Was tun Sie da?“, fragte ich an und für sich rhetorisch. „Ich haue Sie. Sieht man doch.“

„Ah“. Ich hob das Stofftier auf und reichte es ihm. Herr Müller sah mich dankbar an. „Rosi, ich habe dich vermisst!“. Dann pfefferte er die Robbe abermals mit voller Wucht in meine Magengegend. Diesmal traf er. Und ich verbannte Rosi unter Zeter und Mordio in Herr Müllers Nachtkästchen.

Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Man entwickelt IMMER eine Beziehung zu dem Menschen, dem man allmorgendlich den Intimbereich wäscht.

Manchmal plauderten wir ein wenig, während ich ihm die Socken anzog. Er erzählte von seinen Erfolge bei der WM 74 und ich darüber, wie viele Krokusse auf der kleinen Grünfläche an meinem Lieblingsparkplatz wuchsen. „Ach, das muss ich unbedingt einmal sehen, wenn ich morgen von der Arbeit komme. Dann gehen wir zusammen. Sind Sie eigentlich Krankenschwester?“ „Nein, ich bin Therapie“, gab ich zurück. „Sie sind eine nette Schwester.“

Wenn wir gemeinsam aßen lobte er stets die Küche „Hach, das ist wie bei meiner Frau, da muss auch immer alles leer, egal wie es schmeckt.“ Dann schob er den Teller weg, machte die Augen zu und überließ mir das Aufräumen.

Und eines Tages wurde es still in Herr Müllers Zimmer. Das nervige immer piepende Pulsoximeter kam ab. Der Duft von Urin und Desinfektionsmittel vermischte sich langsam mit Rosenessenz aus einer Duftlampe. Eine sofortigen Brechreiz auslösende Mischung. Ich stellte das Ding ab und verstaute es in einer Ecke.

Wenn einer stirbt, so hatte ich gelernt, macht man es ihm so angenehm wie möglich. Vielleicht ein wenig die Lippen befeuchten. Auf die Seite drehen. Und dabei möglichst nicht die Angehörigen verscheuchen.

Keine Flüssigkeit, keine Nahrung. Ersticken ist qualvoller als verdursten.

Wenn einer stirbt, dann setzt manchmal die Atmung aus. Oder geht ganz schnell. Cheyne-Stokes. Und ich denke mir immer, hoffentlich nicht, während ich bei ihm bin.

Herr Müllers Frau ist da. Sie fährt ihm durch den spärlich gewordenen Haarschopf. „Ach mein Junge, mein lieber, tapferer Junge“

„Machen sie eine Pause“, sagt meine Anleiterin. „Wir bleiben bei ihm. Schlafen Sie ein wenig“

Während sie schläft, macht er sich auf den Weg. Und als ich das nächste Mal sein Zimmer betrete ist es leer. Nur Rosi liegt noch im Regal.

Meine Anleiterin steht neben mir: „Mach das Fenster auf“

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